Die Geschichte der Krawatte

Am Anfang war der Schal

Die einzige Tatsache, auf die wir uns gewiss berufen können, ist die, dass die Krawatte, im Unterschied zu anderen Kleidungsstücken, keinerlei praktischen Nutzen hat, stellten bereits Davide Mosconi und Riccardo Villarosa in ihrem Buch „Fliegen und Krawatten" zutreffend fest.
Doch nicht immer hatten Krawatten nur eine rein dekorative Funktion. Ihre Vorläufer, die Schals, schützten den Hals vor Kälte oder milderten bei kriegerischen Auseinandersetzungen den Druck der Rüstung: Wie man an den 7500 Terrakottasoldaten sieht, die in der 1974 entdeckten monumentalen Grabanlage des ersten chinesischen Kaisers Shih Huang Ti (260-209 v.Chr.) gefunden wurden, trugen alle um den Hals gewickelte Tücher, die so genau nachgebildet sind, dass selbst ihr Faltenwurf erkennbar ist.
Bis dahin hatte man die Römer für die Erfinder der Krawatte gehalten. Die „Focale", der Schal der römischen Legionäre, lässt sich heute noch an der im Jahre 113 errichteten Trajanssäule bewundern. Auf ihren spiralförmig umlaufenden Reliefbändern stellen 2500 Krieger die Feldzüge des römischen Kaisers Marcus Ulpius Traianus (53 bis 117 n.Chr.) dar. Viele der Soldaten tragen ein vor dem Brustpanzer zusammengeknotetes Halstuch.


Die Kroaten und die „Cravates"
Das nächste, für die Entwicklung der Krawatte wichtige Ereignis fand erst rund 1500 Jahre später während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) statt. Kroatische Söldner trugen an die römischen „Focales" erinnernde Halstücher und beeinflussten damit nachhaltig die europäische Mode. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts wurden in Frankreich am Hof des Sonnenkönigs sogenannte „Cravates" getragen. Das waren kostbare Halstücher aus venezianischer oder flandrischer Spitze. Ob allerdings die Kroaten Pate bei der Namensgebung der französischen „Cravates" und der deutschen „Krawatten" gestanden haben, lässt sich bis heute nicht eindeutig klären. Da die Spitzen importiert werden mussten, konnte ein einziges Halstuch ein Vermögen kosten. Ludwig XIV. beschäftigte daher einen nur mit der Pflege seines Halsschmucks beauftragten „Cravatier". Eine Geliebte des Königs, die Herzogin Louise von Lavalliere, fand Gefallen am Tuch der Herren und band es zu einer Schmetterlingsschleife: Die „Lavalliere" hat sich bis zum heutigen Tage in verschiedenen Formen in der Herren- und Damenmode behaupten können.
Wiederum war es ein militärischer Anlass, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts für eine neue Verwandlung der Krawatte sorgte: Während der pfälzischen Erbfolgekriege wurden die Truppen Ludwigs XIV. bei Steinkerk, einem Dorf im heute belgischen Hennegau, überraschend von einem englischen Regiment angegriffen. Die französischen Offiziere hatten natürlich anderes im Sinn, als ihre Halstücher nach den schwierigen modischen Regeln zu binden. Statt dessen schlugen sie sich ihre Tücher schnell mit einem einfachen Knoten um den Hals und steckten die losen Enden durch ein Knopfloch ihrer Uniformjacke. Der „Steinkerk" war geboren. Auf vielen Gemälden dieser Zeit tragen standesgemäß gekleidete Herren den „Steinkerk" zum Leibrock.


In der Tat unglaublich: der „Incroyable"
Ungeahnte Formen nahmen die Krawatten gegen 1790 an. Die damaligen Beaus legten große gestärkte Musselintücher in mehrfachen Windungen um den Hals, bis das Kinn hochgedrückt wurde und die Träger durch diese Halsbandage ein überhebliches, stutzerhaftes Aussehen bekamen. Wer nicht genügend Routine besaß, musste den Versuch mit einem neuen Tuch wiederholen, da das erste natürlich zerdrückt und dadurch unbrauchbar geworden war. Kein Wunder, dass in Paris sogar Privatstunden im Krawattenbinden angeboten wurden, die sich großer Beliebtheit erfreuten. In Frankreich wurden diese gigantischen Schals als „Incroyables", in England als „Serviettenmode" bekannt. Lord George Bryan Brummell (1778 bis 1840), einer der ersten Dandys, soll täglich bis zu sechs Stunden für seine Toilette benötigt haben. Ein lohnendes Objekt für die Karikaturisten seiner Zeit! Um 1860 verschwand dann allmählich der Stehkragen, und mit dem anschließend aufkommenden Umlegekragen kam der vorn geknotete Langbinder in Mode. In England wurde diese Krawatte zunächst von aristokratischen Herrenfahrern getragen, die ihr den Namen „Four-in-Hand" gaben, was soviel bedeutet wie „vierspännig fahren". Auch in Frankreich kommt die Bezeichnung dieses Bindertyps aus dem sportlichen Bereich: „Regate" heißt er hier, und das lässt unschwer seine Herkunft aus vornehmen Jacht- und Segelclubs erkennen.
Etwa zur selben Zeit entstand noch eine weitere neuartige Krawatte, die an die vorangegangene Serviettenmode erinnert. Eine relativ breite Halsbinde wurde ein- bis zweimal um den Hals geschlungen, die Enden wurden vor der Brust geknotet und mit einer Nadel festgehalten. Man wählte für sie den Namen „Plastron", ein aus dem Französischen entliehenes Wort, das dort den Brustpanzer der Florettfechter bezeichnet. Daneben wurde dieser Krawattentyp auch „Ascot" genannt, nach dem berühmten Austragungsort für Pferderennen in England. Beide Bezeichnungen sind bis heute für diese Bindung beibehalten worden. Gelegentlich wird noch ein „Ascot" oder „Plastron" bei hochoffiziellen Anlässen zu einem Cutaway getragen. Doch zurück zum „Four-in-Hand", der dem modernen Binder entspricht. War es um die Jahrhundertwende noch üblich, eine Vielzahl unterschiedlicher Krawattentypen zu tragen, wird heute hauptsächlich der Langbinder oder die Fliege angelegt. Besonders der Langbinder hat sich zu einem höchst vielseitigen Accessoire entwickelt, denn im Gegensatz zu früher kann man jetzt zwischen verschiedenen Stoffen, Farben, Formen und natürlich auch Knoten wählen.