Seide - Der entpuppte Luxus

Die Seide ist eine der ältesten Textilfasern - und doch modisch hochaktuell. Die Seidenkultur fasziniert die Menschen seit Jahrtausenden - Reine Seide, die Königin der Naturfasern, ist auch in unserer modernen Welt durch nichts zu ersetzen.

 

Die Geschichte der Seide

Die Anfänge der Seidenzucht verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Der Sage nach soll die chinesische Kaiserin Si Ling Chi um 3000 vor Christus beobachtet haben, wie eine unscheinbare Raupe sich in einen glänzenden Faden einhüllte. Es müßte schön sein, dachte die Kaiserin, sich selbst in einen so feinen Faden einzuhüllen....

Jahrtausendelang hüteten die Chinesen das Geheimnins der Seidenzucht. Wer Kokons oder Seidenraupeneier ausführen wollte, dem drohte die Todesstrafe.
Um 200 vor Christus wurde die Seide zu einer begehrten Handelsware. In dieser Zeit entstand die legendäre Seidenstraße, die - fast 1000 km lang - auf dem Landweg von China über Byzanz nach Venedig und Rom führte. Die Karawanen brauchten für diese Strecke sechs bis acht Jahre. In dieser Zeit kostete im römischen Reich ein Kilo Seide soviel wie ein Kilo Gold.

Der Beginn einer eigenen Seidenzucht in Europa gelang erst durch eine List. Zwei Mönche sollen Eier der Seidenraupe in ausgehöhlten wanderstäben versteckt und Kaiser Justinian in Byzanz zum Geschenk gemacht haben.

Im gesamten Mittelmeerraum, aber auch in Frankreich und Deutschland entstand in der Folge eine blühende Seidenkultur.
Seide aus dem Reich der Mitte blieb jedoch weiterhin sehr gefragt; und in der Gegenwart nimmt China nach wie vor den führenden Platz auf dem Weltmarkt ein, denn heute lohnt der Wirtschaftszweig in Westeuropa, wo die Arbeitsstunden teuer sind, nicht mehr. Als letzte Industrienation pflegt Japan seine stark subventionierte Maulbeer- und Seidenkultur. Außerdem beißen sich Raupen durch Maulbeerlaub in Brasilien und Indien, Russland, Thailand, Bulgarien.

Vom Seidenspinner zum Seidenfaden
Der Seidenspinner "Bombyx mori" ist ein Falter von unscheinbarem Aussehen. Unmittelbar nach der Befruchtung legt das Weibchen circa 500 Eier, die die Form ovaler Körnchen haben und etwa 1mm groß sind.
Nach einiger Zeit schlüpfen winzig kleine, aber sehr gefräßige Raupen aus, die sofort mit der Vertilgung ungeheurer Mengen frischer Maulbeerblätter beginnen. In 24-30 Tagen wachsen die zuerst schwarzen, später gelblich-weißen Raupen zu einer Länge von 8-10 cm, wobei sie sich viermal häuten. Danach beginnt die Raupe sich mit einem Kokon zu umspinnen, indem sie aus zwei Drüsen zwei feine, miteinander verklebte Fäden herauspreßt und sie in achterförmigen Schleifen rund 100.000 mal um sich legt. Dabei bildet das Fibroin den eigentlichen Spinnstoff, das Serizin den Bast, der den Seidenfaden ummantelt.

Die ganze Pracht der Seide ist diesen zwei Sekreten zu verdanken, die in der Spinnwarze der Raupe zusammentreffen und an der Luft zum seidenen Faden erstarren: Einer Innenfaser aus Fibroin und dem Seidenleim aus Sericin. Ihnen verdankt die moderne Welt Rohmaterial für Farbbänder und Fallschirme, Rennradsättel, Tennisschlägersaiten, Astronautenanzüge und künstliche Adern. Die hauchdünnen Fäden schillern, weil sie einen dreieckigen Querschnitt haben und Licht wie ein Prisma brechen. Dabei sind sie noch in 400-facher Vergrößerung völlig glatt. Sie vereinen erstaunliche Stabilität mit hoher Elastizität. Wenn es gelänge, einen eisernen Faden der gleichen Feinheit herzustellen, wäre er der Seide beim Reißtest hoffnungslos unterlegen.

 

 

 

 

 

Nach drei Tagen und drei Nächten ist der Kokon fertig, und in ihm erfolgt nach der letzten Häutung die Umwandlung der Raupe zu Puppe und Falter.

 

 

Ein Leben nach dem Spinnen findet für die „Wirtschaftsrassen“ nur in zentralen Nachzuchtstationen statt. Dort beißen sich nach zwei Wochen weiße Nachtfalter durch den Kokon. Sie paaren sich in einem Liebesakt, der bis zu zwölf Stunden dauert. Die männlichen Falter sterben erschöpft; die weiblichen legen vor ihrem Tod wieder bis zu 500 Eier. Sieben Milliarden Eier lagern in den Kühlschränken der Stationen, bis sie für den nächsten Zyklus gebraucht werden.

 

 

Die überwiegende Zahl der Kokons wird zur Gewinnung der Reinen Seide verwandt.Die Kokons werden hierzu in Heisswasserbädern erweicht, damit der Seidenfaden mit Bürsten abgelöst und dann aufgehaspelt werden kann.
Ein Drittel des bis zu 3000m langen Seidenfadens läßt sich als Rohseide gewinnen. Die äußeren, unregelmäßig gesponnenen Kokonschichten und die innerste Schicht werden zu Schappe- und Bouretteseide verarbeitet.

 

 

Neben der Eleganz, dem geschmeidigen Griff, der unnachahmlichen Schönheit und dem Hauch von Exclusivität sind es vor allem auch die hervorragenden Trageeigenschaften, die Leichtigkeit und Hautverträglichkeit, die Seide so begehrt machen. Seide ist so hautfreundlich, weil der organische Aufbau dem der menschlichen Haut am nächsten kommt. Sie wärmt bei Kälte, kühlt bei Hitze, und hat die Eigenschaft, Feuchtigkeit aufzunehmen ohne sich feucht anzufühlen.

 

 

Kleine Seidenkunde
Die unterschiedlichen Stoffarten ergeben sich durch Unterschiede beim Entbasten, Zwirnen, Färben und Weben. Grège, abgehaspelte, ungesponnene Rohseide, besteht aus drei bis acht Kokonfäden, die der Seidenbast (Sericin) noch zusammenhält.
Organza-Garne werden nur geringfügig entbastet; das Gewebe ist relativ steif. Fäden für Organza werden, wie auch für Taft, im Unterschied zu anderen vor dem Weben gefärbt.
Für Satin wird das Sericin vollständig entfernt. Der Glanz entsteht dadurch, dass die Schussfäden - jeweils versetzt - mehrere Kettfäden überspringen.
Chiffon, auch Mousseline genannt, wirkt fast durchsichtig, weil besonders dünnes Garn locker gewebt wird. Die körnige Struktur von Crêpe Georgette und Crêpe de Chine entsteht durch Überdrehung der Webfäden (bis 2.500 Drehungen pro Meter Faden).
Nicht haspelbare Anfangs- und Endstücke der Kokons werden wie Baumwolle versponnen, die längeren Fasern zu Schappeseide, die kürzeren zu Bouretteseide.
Für eine Bluse aus Crêpe de Chine - 2,1 Quadratmeter Stoffverbrauch - sind 28 Quadratmeter Maulbeerfläche zu kultivieren, um 800 Raupen zu füttern. Sie liefern knapp 1.600 Gramm Kokons, aus denen 200 Gramm Rohseide zu gewinnen sind. Entbastet und gezwirnt, ergibt das 150 Gramm Stoff.